Dr. Ev Tsakiridou

Wissenswertes:

Das Kaspische Meer – der größte See der Erde

1.200 km lang, 435 km breit, bis zu 1.000 m tief. Seine Fläche von 386.400 km² entspricht ungefähr der von Deutschland und Belgien zusammen. Der See entstand vor ca. 5 Mio. Jahren als ein riesiger Binnensee, der von den Alpen bis zum Aralsee reichte und in Einzelgewässer zerfiel. Die Wasseroberfläche liegt 28 Meter unter dem Meeresspiegel.

Da das Gewässer komplett von Landmassen umschlossen ist und keine Verbindung zu den Ozeanen hat, ist es eigentlich ein See. Aber aufgrund seiner Größe und seines relativ hohen Salzgehalts von ca. 1,1 Prozent wird es als Meer bezeichnet – im Gegensatz zu Süßwasserseen mit unter 0,1 Prozent und den Weltmeeren mit durchschnittlich 3,5 Prozent Salzgehalt. Die Hauptzuflüsse sind Wolga und Ural.

Aufgrund des hohen Sulfat-Anteils ist das Wasser nicht trinkbar. Experten führen dies auf den hohen Düngemitteleinsatz der Anrainer-Staaten für die Landwirtschaft zurück. Vor den 1930er Jahren soll die Seefläche über 400.000 km² groß gewesen sein. Seitdem ging sie kontinuierlich zurück, was auf die Wasserentnahme an den Zuflüssen zur Bewässerung und auf Verdunstung zurückgeführt wird. Rund 150 Fischarten leben in dem Gewässer. Darunter der Stör, von dem der als Delikatesse geltende Kaviar gewonnen wird.

Babol, die Handelsmetropole und ihr Badeort Babolsar

Babolsar sollte man nicht mit dem 20 km entfernten Babol verwechseln. Erstere ist der Küstenort von Babol und Sitz der Universität von Mazandaran. Babol ist mit mit knapp 200.000 Einwohnern eine bedeutende Handelsmetropole der subtropischen Provinz Mazandaran. Südlich davon befindet liegt Alasht, ein Bergdorf im Elburs (pers. Alborz) und Geburtsort von Reza Schah Pahlavi. Das Elburs-Gebirge, das bis zu 5.600 Meter hoch ist, bildet eine natürliche Barriere, die Mazandaran vom trockenen, wüstenartigen Binnenland abschirmt. Im Umland von Babol werden neben Reis auch Tee und Zitrusfrüchte angebaut. Die umliegenden Gemeinden sind beliebte Feriendestinationen für Iraner aus der Hauptstadt oder den südlichen Landesteilen.

Khazar Shahr, die grüne Feriensiedlung

Als wir Freunden und Bekannten erzählten, wir würden in den Iran reisen, waren die Reaktionen vielfältig, aber nicht unbedingt positiv: Das Spektrum reichte von ungläubigem Staunen bis zu blankem Entsetzen. Dabei stand mein Entschluss, das Land zu bereisen, schon seit vielen Jahren fest. Daran hat die negative mediale Darstellung des Landes nie etwas geändert.

Das liegt an Sebastian, den ich aus Studienzeiten in Tübingen kenne. Er hat iranische Wurzeln. Nicht nur, dass er unsere WG-Feste mit raffinierten Rezepten bereichert hat. Seine persischen Mythen sind legendär. Die Zuhörer, die gebannt an seinen Lippen hingen, wussten nie genau, ob die Geschichten irgendwo dokumentiert sind oder seiner blühenden Phantasie entsprungen waren.

Dieses Jahr konnten wir endlich unsere gemeinsamen Reisepläne in den Pfingstferien realisieren. Die Formalitäten inklusive Flugbuchung haben wir dank der freundlichen Unterstützung eines iranischen Reisebüros in München ziemlich schnell erledigt.

Unterwegs mit dem Miettaxi

Der Flug von München nach Teheran dauert rund 4,5 Stunden. Anschließend geht es vom Internationalen Flughafen mit dem Miettaxi ans Kaspische Meer nach Babolsar. Unsere Reisegruppe (fünf Erwachsene und zwei Jugendliche) steigt aus dem Auto und blickt sich um. Es ist 1 Uhr nachts. Hecken, Blumen, Bäume halten sich noch bedeckt, werfen nur ihre schemenhaften Konturen in die Dunkelheit.

Müde trotten wir zu unserer Unterkunft. Fünf Stunden Fahrt liegen hinter uns. Eigentlich waren drei Stunden vorgesehen. Aber eine Teilstrecke der Autobahn, die jade-ye Haraz, die von Teheran über die Stadt Amol ans Kaspische Meer führt, ist wegen Bauarbeiten gesperrt. So mussten wir die Autobahn weiter östlich nehmen: Sie führt über Firuzkuh und Pol-e-Sefid nach Sari, der Hauptstadt der Provinz Mazandaran. Aber auch auf dieser Strecke gibt es Bauarbeiten, und wir werden auf die Landstraße umgeleitet.

Nach Überholmanövern, die einem Formel-1-Rennen ähneln, zahlreichen Schlaglöchern, die unser Fahrer nach kurzem Abbremsen rechtzeitig umfährt (er fährt wohl die Strecke nicht zum ersten Mal) und einer Abendessenspause landen wir in Kazar Shahr, der Feriensiedlung von Babolsar.

Blühende Gärten

Es ist warm hier, um die 26 Grad Celsius. Dass es auch sehr feucht ist, merken wir erst am nächsten Morgen: Alle Oberflächen unserer Ferienwohnung sind mit einem feinen Wasserfilm überzogen. Die Sonne scheint, aber das ist nicht das Einzige, was uns hinauszieht. Wir laufen langsam durch den Ort, dessen Straßenzüge wie ein Schachbrett angelegt sind, gehen die Bürgersteige entlang und lugen zu den großen Villen mit ihren Gärten herüber. Gärtner wässern den Rasen und beschneiden Rosensträucher. Zitronen- und Orangenbäume sowie tropische Palmen wachsen hier.

Nach den zahlreichen Rohbauten zu urteilen, wächst der Ort. Ein Zentrum scheint er nicht zu haben. Vielleicht kann man das Bürgermeisteramt dazu küren, ein flaches ebenerdiges Gebäude, das wie ein Bungalow aussieht und aus zwei Büros und einem kleinem Café besteht. Dahinter befindet sich ein kleiner Park mit öffentlichem Spielplatz und zwei Tennisplätzen. Gemischte Doppel spielen sich die Bälle zu.

Wasserpfeife, Maserati und Meer

Khaza Shahr ist bevorzugter Ferienort für reiche Teheraner, erfahren wir von unserem Freund Sebastian. Bis auf eine Gruppe junger Männer und Frauen, die sich hier in Khazar Shahr die Zeit vertreibt, ist kaum jemand unterwegs. Die Saison hat noch nicht begonnen. Wir beschließen zum Strand zu gehen. Unterwegs beobachten wir junge Autofahrer, die im Schneckentempo über die Bodenschwellen der Strandpromenade kriechen, um die Spoiler ihrer BMW oder Maserati nicht zu beschädigen. Die Frage, wie diese Autos trotz der Sanktionen gegen den Iran ins Land gelangen konnten, lässt vielfältige Interpretationen zu…

Von unserer Unterkunft zum Strand – selbst mit dem kleinen Schlenker zum Rathaus – sind es höchstens zehn Minuten. Die rechte Uferseite ist mit großen Steinen aufgeschüttet und mit Beton befestigt, sodass sie wie ein Pier anmutet. An seinem Ende laden einsame Stühle ein, sich hinzusetzen, auf den Horizont zu blicken und sich der Illusion hinzugeben, man sei am Meer. Dabei ist das Kaspische Meer ein See. Wir rücken die Stühle zurecht und setzen uns an einen der verlassenen Tische. Sebastian geht ins Strandcafé nebenan. Das hat eigentlich noch gar nicht geöffnet. Glücklicherweise unterbricht ein Mitarbeiter seine Aufräumarbeiten und reicht Cola-artige Getränke sowie eine Shisha (Wasserpfeife).

Wir starren pfaffend auf den Horizont hinaus. Von See her bläst eine steife Brise und formt ab und zu ein Schaumkrönchen. Junge Frauen in engen Hosen und mit großen Sonnenbrillen spazieren am kurzen Strandabschnitt entlang. Manche sind zu zweit oder dritt unterwegs, andere mit Mann und Kind. Der Wind zerrt an ihren Kopfbedeckungen. Sie geben sich nicht die Mühe, die hellen Tücher auf ihrem Haar zu fixieren. So rutschen diese vom Haupt hinunter auf die Schultern. An diesem Ort können Männer und Frauen Händchen halten, ohne sofort wegen unsittlichen Verhaltens zurechtgewiesen zu werden. Die Sittenwächter sind weit weg – in Teheran.

Gruppenbild

Ein Pärchen spricht uns in gebrochenem Englisch an, sie würden gerne ein Gruppenfoto mit uns machen. Wir willigen ein, sie lächeln glücklich.

Überhaupt fotografieren die Iraner bei jeder Gelegenheit – bevorzugt sich selbst oder ausländische Gäste. Auch wenn die Sanktionen gegen den Iran Anfang 2016 gelockert wurden, Fremde sind in dem Land mit über 75 Mio. Einwohnern immer noch eine kleine Sensation. Das erfahren wir, als wir uns am nächsten Tag in den Hauptort Babolsar begeben.

Geld wechseln und ein Bummel durch die Einkaufsmeile stehen auf dem Programm. Besonders gespannt sind wir auf die kulinarische Spezialität Kalepatsche, eine Schafkopfsuppe. Einige von uns sind fest entschlossen, sie zu probieren.