LuxSpots: Herr Mayr, Ihre Leidenschaft für die Hotellerie begann in jungen Jahren im Landgasthof Ihrer Familie in Oberösterreich. Es folgten renommierte Häuser, wie das Plaza Athénée in New York, das Adlon Kempinski in Berlin, das Kempinski in Peking und das Westin Grand in München. Zuletzt leiteten Sie das The Bridge Wroclaw MGallery Hotel in Polen. Jetzt sind Sie zurück an der Spree und betreuen als Cluster General Manager das Hotel Telegraphenamt sowie parallel das Abion Spreebogen Waterside in Berlin.
Was hat Sie an dieser neuen Aufgabe in Doppelfunktion und mit konträren Hotelkonzepten gereizt, sodass Sie nach all Ihren Stationen auf drei Kontinenten wieder zurückgekommen sind?
Johannes Mayr: Nach vielen Jahren in internationalen Häusern schaut man irgendwann nicht mehr nur auf den nächsten Karriereschritt, sondern auf die Frage: „Wo kann ich wirklich etwas gestalten?“ Berlin ist dafür ein idealer Ort. Die Stadt ist international, unperfekt, kreativ — und sie erlaubt Hotels, die Charakter zu zeigen. Außerdem ist Berlin eine Stadt, die sich ständig neu erfindet. Vielleicht fühlt man sich deshalb nach Stationen in New York, Peking oder Wroclaw hier schnell wieder zuhause.
Meine erste Zeit in Berlin von 2007 bis 2010 war eine absolut besondere und prägende Phase meines Lebens. Ich habe die Stadt in vollen Zügen genossen, hier meine Frau kennengelernt und Berlin mit all seiner Energie, Vielfalt und Offenheit lieben gelernt. Seitdem liegt mir diese außergewöhnliche Stadt besonders am Herzen.
Und was die Doppelfunktion betrifft, so hat mich vor allem die Kombination gereizt: zwei völlig unterschiedliche Häuser mit zwei eigenen Persönlichkeiten zu führen. Das Telegraphenamt ist emotional, designgetrieben und voller Geschichten — das Abion wiederum hat eine andere Ruhe, eine andere Klarheit. Genau dieser Kontrast macht die Aufgabe spannend.
Zwei Michelin-Keys, eine Falstaff-Designauszeichnung und die Aufnahme in die Liste der 101 besten Hotels Deutschlands. Das von Ihnen geführte Hotel Telegraphenamt sammelt kontinuierlich Auszeichnungen und Referenzen. Was ist für Sie der nächste logische Schritt, der noch aussteht, und wo sehen Sie das Hotel in drei bis fünf Jahren?
Auszeichnungen sind wunderbar — vor allem, weil sie ein Kompliment an das Team sind. Aber sie dürfen nie Selbstzweck werden. Der nächste logische Schritt ist für mich nicht zwingend ein weiterer Award, sondern kulturelle Relevanz. Und dass wir dieses Level halten und stetig verbessern.
Ich wünsche mir, dass das Telegraphenamt in drei bis fünf Jahren nicht nur als Hotel wahrgenommen wird, sondern als Ort, mitten im Forum an der Museumsinsel, den Berlinerinnen und Berliner genauso selbstverständlich nutzen wie internationale Gäste – nicht nur zum Übernachten, sondern zum Ankommen, Essen, Arbeiten und Begegnen.
Berlin ist einer der wettbewerbsintensivsten Hotelmärkte Europas, mit einem Publikum, das zwischen internationalen Großmarken und hyperlokalen Boutique-Konzepten wählt. Welches Alleinstellungsversprechen gibt das Telegraphenamt in diesem Umfeld und an wen richtet es sich besonders?
Viele Hotels versuchen heute entweder maximal international oder maximal lokal zu sein. Das Telegraphenamt lebt genau von dieser Verbindung. Wir haben eine starke architektonische Identität, eine Geschichte, die man wirklich spürt, und gleichzeitig eine sehr internationale Energie. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.
Unsere Gäste suchen selten klassischen Luxus im alten Sinn — sie suchen Authentizität und Orte mit Charakter. Gerade die persönliche, intime Stimmung des Hauses wird dabei besonders geschätzt. Vielleicht kann man sagen: Das Telegraphenamt ist ein Hotel für Menschen, die eigentlich keine standardisierten Hotels mögen.
Welche veränderten Erwartungen an Luxus und Authentizität haben Sie bei Hotelgästen in den letzten Jahren festgestellt?
Luxus ist leiser geworden. Früher wurde Luxus oft über Materialien und Status definiert – größer, teurer, glänzender. Heute geht es viel stärker um Zeit, Ruhe, Glaubwürdigkeit und emotionale Erlebnisse. Gäste merken sofort, ob etwas wirklich authentisch ist oder nur inszeniert wirkt. Deshalb sind Aufmerksamkeit, ehrliche Gastfreundschaft und persönlicher Service heute oft wichtiger als perfekte Inszenierung.
Interessanterweise bleiben vielen Gästen kleine, durchdachte Gesten stärker in Erinnerung als große Showeffekte. Ein ehrliches Gespräch an der Rezeption wirkt oft nachhaltiger als der Marmor im Badezimmer. Genau darin liegt für mich moderner Luxus

Das Hotel Telegraphenamt ist ein denkmalgeschütztes Gebäude in Berlin-Mitte, das sich seit 1910 immer wieder neu erfunden hat. Heute bietet es 97 Zimmer, Maisonetten und Suiten, in denen sich Elemente der 1920er- und 1970er-Jahre miteinander verweben. Doch wie führt man ein Haus, das zwischen denkmalgeschützter Substanz und High-End-Lifestyle wandelt und allen Mitarbeitern täglich einen Spagat aus respektvollem Umgang mit Geschichte und Mut für Neues abverlangt?
Das ist ja zugleich das Schöne und die besondere Herausforderung an solchen geschichtsträchtigen Häusern. Genau diese Verbindung aus Tradition, Charakter und der Aufgabe, ein Hotel mit Geschichte gleichzeitig modern und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln, war ein wesentlicher Grund, warum ich diese Herausforderung überhaupt angenommen habe.
Das Gebäude erzählt bereits Geschichten. Unsere Aufgabe ist nicht, diese Geschichte zu übertönen, sondern sie zeitgemäß weiterzuschreiben. Natürlich ist das manchmal ein Spagat: Denkmalschutz liebt Beständigkeit, Hospitality lebt von Veränderung. Aber genau in dieser Spannung entsteht oft Charakter. Und Charakter kann man bekanntlich nicht bestellen. Schauen Sie sich beispielsweise das gesamte Forum an der Museumsinsel an. Hier wurde 20 Jahre sorgsam und mit Liebe zum Detail und zum Erhalt der Geschichte restauriert und wieder aufgebaut. Für mich ist das Baukultur mit Haltung.
Kulinarisch setzt das Telegraphenamt auf zwei eigenwillige Handschriften: Signature-Sushi von Chef Ryota im ROOT Bistro sowie bayerische Klassiker im Dieselhaus. Ein japanisch-alpenländisches Duett mitten in Berlin. Wie ist dieses ungewöhnliche Konzept entstanden und warum funktioniert es hier?
Berlin funktioniert kulinarisch selten über Konventionen. Die Stadt liebt Konzepte, die zuerst ein wenig überraschen – und dann durch Qualität überzeugen.
Das ROOT Bistro mit Sushi-Chef Ryota verfolgt eine sehr präzise, fast minimalistische Handschrift mit seinem Signature-Sushi, den es auch an unserer Bar gibt. Das Dieselhaus dagegen hat etwas Erdiges, Warmes, fast Heimisches. Und genau dieser Kontrast funktioniert gut.
Vielleicht auch, weil beide Konzepte etwas gemeinsam haben: ehrliches Handwerk. Ob fein gearbeitetes Sushi oder knuspriges Schnitzel — Gäste spüren Leidenschaft sehr schnell.
In der Hotellerie und Gastronomie wird das Thema Nachhaltigkeit oft als Pflichtaufgabe betrachtet und verliert momentan gefühlt an Attraktivität. Im Telegraphenamt ist es jedoch fest verankert. Wie vermitteln Sie Ihren Gästen, dass Luxus und Ressourcenschonung sich nicht ausschließen?
Nachhaltigkeit darf sich nicht wie Verzicht anfühlen. Der Gast möchte nicht belehrt werden — er möchte erleben, dass Qualität und Verantwortung zusammengehen.
Viele nachhaltige Entscheidungen verbessern ja sogar das Erlebnis: bessere Produkte, eine stärker regional geprägte Küche, langlebigere Materialien und ein bewussterer Umgang mit Ressourcen. Ich glaube ohnehin, dass echter Luxus immer etwas mit Bewusstsein zu tun hat. Verschwendung wirkt heute selten luxuriös.
Personalmangel ist derzeit das allgegenwärtige Schlagwort in der Hospitality-Branche. Wie gelingt es Ihnen, junge Talente in einer so dynamischen Stadt wie Berlin nicht nur zu finden, sondern auch langfristig zu begeistern?
Junge Talente bleiben heute nicht wegen eines Logos auf der Visitenkarte — sie bleiben aufgrund von Kultur, Entwicklung und Sinn. Die Generation, die jetzt in die Hotellerie kommt, stellt völlig berechtigte Fragen: Kann ich mich entwickeln? Werde ich gesehen? Hat meine Arbeit Bedeutung?
Gerade im Telegraphenamt und im Forum an der Museumsinsel spürt man sehr schnell, dass dieser Arbeitsplatz eine besondere Geschichte trägt. Wenn Mitarbeitende diese Geschichte verinnerlichen, entsteht etwas Entscheidendes: Stolz. Und dieser Stolz überträgt sich unmittelbar auf den Gast — in der Atmosphäre, im Service und im Zusammengehörigkeitsgefühl des Teams. Wir versuchen deshalb, eine Umgebung zu schaffen, in der Leistung wichtig ist, aber Persönlichkeit genauso. Gute Hotellerie entsteht am Ende immer durch Menschen, die gern Gastgeber sind.
Wenn Sie dem jungen Johannes Mayr an seinem ersten Tag in der Hotellerie eine einzige Nachricht „telegraphieren“ könnten, welche wäre das?
Sag öfter Ja als Nein — zu Städten, Chancen und neuen Kulturen. Hab Geduld. Hab ein Ziel, auf das du hinarbeitest. Höre mehr zu, als du sprichst. Menschen erinnern sich nicht nur daran, wie gut du ein Hotel geführt hast, sondern vor allem daran, wie du sie hast fühlen lassen. Nimm weder Lob noch Kritik zu persönlich. Die Hotellerie ist einer der wenigen Berufe, in denen Neugierde wirklich Karriere machen kann. Und lerne früh: Schlaf ist Luxus.
Und eine letzte persönliche Frage: Was beeindruckt Sie angesichts Ihres Werdegangs heute noch an einem Hotel? Gibt es einen Ort auf der Welt, an den Sie als Gast immer wieder gern zurückkehren?
Nach all den Jahren beeindruckt mich weniger Perfektion als Atmosphäre. Meine Frau und ich lieben es, auf Städtereisen Hotels zu entdecken, die Charakter haben und uns inspirieren. Oft sitzen wir stundenlang in Hotel-Lobbys bei einem Drink oder einem Club Sandwich, beobachten die Dynamik eines Hauses und nehmen Ideen mit. Für mich zeigt sich die Qualität eines Hotels oft genau in diesen Momenten — in der Energie, den Menschen und dem Gefühl, das bleibt.
Je älter ich werde, desto mehr rücken meine Wurzeln wieder in den Vordergrund. In jungen Jahren wollte ich aus meiner Heimat St. Ulrich bei Steyr immer weg. Heute fällt es mir jedes Mal schwerer, wieder abzureisen. Die Region, die Natur und vor allem die Gemeinschaft dort bewegen sehr viel in mir. Dieser Ort ist für mich ein echter Safe Space geworden. Und nachdem mein Bruder inzwischen das Familiengeschäft übernommen hat, bin ich heute dort eigentlich nur noch Gast. Vielleicht genieße ich es genau deshalb noch mehr.
Vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.


